
Der »Sekretär des Führers«, Martin Bormann, ließ zwischen Mitte 1941 und Anfang 1944 die Unterhaltungen bei Tisch im »Führerhauptquartier« mitstenografieren. Bormann wollte sich bei seinen Erlassen und Verordnungen gegenüber anderen Parteibonzen auf das unverfälschte »Wort des Führers« berufen können. Teilweise generierte er aus beiläufig hingeworfenen Kommentaren Hitlers sogar Gesetze.
Die Notizen haben bei der Familie Bormann das Kriegsende überstanden und wurden später in zwei Bänden veröffentlicht, die vielen namhaften Historikern als Quelle dienten (Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier; Heim: Monologe aus dem Führerhauptquartier).
In den historisch authentischen Tischmonologen entfaltet sich Hitlers ausgeprägter Bohéme-Charakter. Seine abendliche Teerunde zog sich immer später in den frühen Morgen hinein, während seine »Gäste« gegen den Schlaf ankämpften, um nicht in Ungnade zu fallen.
Hitler plauderte »laut denkend« über Gott und die Welt und gab sogar Kostproben seines Humors zum Besten. Wichtige Tagesfragen begrub er laut monologisierend in einem unendlichen Strom von Geschwafel, was die Militärs, die dringend Entscheidungen brauchten, mitunter zur Verzweiflung trieb...
Bei seinen Lieblingsthemen – z.B. die Antike, Jugenderinnerungen, Anekdoten aus dem I. Weltkrieg, Kunst und Architektur, die »Kampfzeit« vor 1933 – fand Hitler Entspannung vom Arbeitstag als »größter Feldherr aller Zeiten«. Hitlers Ausführungen über die Liebe, die Ehe, seine Zukunftspläne, sein Geschichtsbild, spiegeln ein unverzerrtes Bild seines Wesens.
Die Texte sind wörtlich zitiert, nur hier und da dem heutigen Sprachgebrauch angepasst und in die direkte Redeform gebracht. Das Ausblenden der historischen Kulisse wirkt einer ungewollten Faszination der »Führer«-Inszenierung entgegen, die bei üblichen Filmdokumentationen oft entsteht.
Es ist ohne Zweifel eine Zumutung, sich der Gesellschaft »Hitlers« auszusetzen, doch man erhält kaum einen erhellenderen Einblick in seine Persönlichkeit, als bei seinen privaten Plauderstunden, abseits von einstudierten öffentlichen Brüll- und Brandreden.
Die Unmittelbarkeit stellt den Zuschauer auf eine emotionale Belastungsprobe. Er erlebt ein Wechselbad zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen Entspannung und Entsetzen. Mancher wird Hitlers Ausführungen über biologisch gedüngte Kost sicher vernünftig finden, Verständnis für seine Abneigung zur Ehe haben oder mit Hitler lachen, wenn dieser scherzt: »Das deutsche Volk hat die Hunnenstürme und den Dreißigjährigen Krieg überstanden – es wird auch noch mich überstehen!«.

